Wie Handwerker vom VEB Bau Nauen das Nikolaiviertel wiederaufbauten

Berlin feiert seine Geschichte, und das Nikolaiviertel ist sein steinernes Herzstück. Wenn heute unzählige Touristen und Einheimische durch die engen Gassen am Spreeufer schlendern, bewundern sie ein architektonisches Ensemble, das erst im Vorfeld der 750-Jahr-Feier Berlins im Jahr 1987 seine heutige Form erhielt. Doch der historische Glanz von Bürgerhäusern und Traditionsgaststätten ist nicht nur das Ergebnis ehrgeiziger Stadtplanung, sondern vor allem ein Zeugnis meisterhafter Handwerkskunst. Ein besonderer Dank gebührt dabei den Bauleuten aus Brandenburg – genauer gesagt, den Fachkräften des VEB Bau Nauen.

Die Gestaltung der historischen Fassaden erforderte von den Maurern ein Höchstmaß an Präzision und den Einsatz fast vergessener Handwerkstechniken.

Das Prestigeprojekt zum Stadtjubiläum 1987

Das Nikolaiviertel gilt als die Keimzelle der Doppelstadt Berlin-Cölln, deren erste urkundliche Erwähnung auf das Jahr 1237 zurückgeht. Nachdem das historische Areal im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört worden war, lag es jahrzehntelang brach. Anfang der 1980er Jahre beschloss die DDR-Führung im Zuge eines veränderten Städtebaus, dem historischen Ort neues Leben einzuhauchen. Die Neuerrichtung sollte rechtzeitig zum großen 750-jährigen Jubiläum der Stadt im Jahr 1987 abgeschlossen sein.

Es entstand ein einzigartiges Stadtquartier, das moderne Bauweisen mit historisierender Architektur verband. An diesem monumentalen Vorhaben waren Bautrupps aus der ganzen Republik beteiligt. Mittendrin leisteten 20 Maurer und Zimmerleute des VEB Bau Nauen einen entscheidenden Beitrag. Sie arbeiteten unter anderem mit enormer Hingabe an diversen Bürgerhäusern sowie an den prominenten Gaststätten „Gerichtslaube“ und „Nußbaum“.

Eine junge Frau führt Regie auf der Großbaustelle

Bauen ist ein hartes Geschäft, und die Baustelle im Nikolaiviertel bildete da keine Ausnahme. Bemerkenswert war jedoch die personelle Führung der Nauener Delegation. Die Bauleitung übernahm Heike Stingl, die im Frühjahr 1986 im Alter von erst 24 Jahren als frisch diplomierte Bauingenieurin direkt von der Hochschule auf die Großbaustelle kam.

Die junge Bauleiterin stand vor der anfänglichen Herausforderung, sich den Respekt und das Vertrauen der durchweg älteren und erfahreneren männlichen Kollegen erst erkämpfen zu müssen. Mit fachlichem Geschick, einer klaren Ordnungsliebe und der nötigen Portion Durchsetzungsvermögen gelang ihr dies jedoch schnell. Auch beim Thema Arbeitsschutz kannte sie keine Kompromisse: Das Tragen von Schutzhelmen setzte sie auf der Baustelle konsequent durch, notfalls mit der strengen Androhung einer Geldstrafe von 50 Mark.

Die Historie der „Gerichtslaube“ – Vom Mittelalter zur modernen Gastlichkeit

Ein hoch aufragendes Baugerüst im winterlichen Nikolaiviertel zeugt von der enormen handwerklichen Herausforderung, historische Fassaden originalgetreu wiedererstehen zu lassen.
Ein hoch aufragendes Baugerüst im winterlichen Nikolaiviertel zeugt von der enormen handwerklichen Herausforderung, historische Fassaden originalgetreu wiedererstehen zu lassen.

Eines der markantesten Projekte der Nauener Handwerker war die Neuerrichtung der „Gerichtslaube“. Der historische Hintergrund dieses Baus ist düster und faszinierend zugleich: Im Mittelalter wurde in der ursprünglichen Gerichtslaube Recht gesprochen. Verurteilte Straftäter wurden damals unter dem sogenannten Spottvogel „Kaak“ in Ketten gelegt und auf diese Weise dem Zorn des Volkes ausgeliefert.

Als zwischen 1861 und 1870 das alte Berliner Rathaus abgerissen wurde, um Platz für das heutige Rote Rathaus zu schaffen, wurde auch die alte Gerichtslaube abgerissen. Einige Teile der originalen Bausubstanz wurden jedoch gerettet und in den Babelsberger Park abtransportiert. Dort entstand später nach den Entwürfen des Architekten Strack ein veränderter, noch heute sichtbarer Bau.

Die neu geplante Berliner Gaststätte „Gerichtslaube“ im Nikolaiviertel sollte diese historischen Elemente wieder aufgreifen und mit gemütlicher Gastlichkeit vereinen. Die Arbeit der Bauleute aus Nauen war ein voller Erfolg: Kurz vor Weihnachten im Jahr 1986 fielen die Gerüste, und die Nauener konnten die fertige Laube feierlich an die nachfolgenden Gewerke übergeben.

Meisterhaftes Mauerwerk und das Geheimnis alter Lehrbücher

Die Gestaltung der historischen Fassaden erforderte von den Maurern ein Höchstmaß an Präzision und den Einsatz fast vergessener Handwerkstechniken. Besonders das Ziehen von Gesimsen und die Erstellung des Zierputzes rund um die Fenster waren keine alltäglichen Arbeiten.

Keine alltägliche Arbeit: Brigadier Karl-Heinz Michaelis, Maurer Richard Bäcker und Bauleiterin Heike Stingl (v. l. n. r.) prüfen hochkonzentriert eine selbstgebaute Schablone für den aufwendigen Kunstputz.
Keine alltägliche Arbeit: Brigadier Karl-Heinz Michaelis, Maurer Richard Bäcker und Bauleiterin Heike Stingl (v. l. n. r.) prüfen hochkonzentriert eine selbstgebaute Schablone für den aufwendigen Kunstputz.

Um diese Kunstfertigkeit wiederzubeleben, wurde Improvisationstalent benötigt. Der Maurer Richard Bäcker, der bereits seit dem Jahr 1956 als Facharbeiter tätig war, griff auf sein Wissen aus den Lehrjahren zurück. Er grub eigens für den Einsatz in Berlin seine alten Lehrbücher aus den 1950er Jahren wieder aus. In diesen historischen Fachbüchern fanden sich noch die exakten Zeichnungen und Anleitungen, die notwendig waren, um die Schablonen für den anspruchsvollen Kunstputz in Eigenregie herzustellen. Gemeinsam mit dem Brigadier Karl-Heinz Michaelis setzten sie diese alten Techniken meisterhaft in die Praxis um.

Zimmermannskunst und die Förderung der Jugend des VEB Bau Nauen

Auch bei den Holzarbeiten war immense Erfahrung gefragt. Hier führte Leo Kurtz Regie, ein Zimmermanns-Brigadier Mitte 50, der zu diesem Zeitpunkt bereits seit zehn Jahren auf Berliner Baustellen im Einsatz war. Sein erstes Jahr in der Zimmermannszunft war das Jahr 1948 gewesen. Auf dem Dach der künftigen Gaststätte „Nußbaum“ arbeitete er konzentriert an der Seitenverschalung für eines der Giebelfenster. Kurtz war nicht nur ein Meister seines Fachs, der seinen Beruf liebte, sondern auch ein hervorragender Mentor für den Nachwuchs.

Zimmermanns-Brigadier Leo Kurtz prüft das Holz auf dem Dach der zukünftigen Gaststätte „Nußbaum“, bevor er mit seinem Bleistift die exakten Markierungen für das Giebelfenster setzt.
Zimmermanns-Brigadier Leo Kurtz prüft das Holz auf dem Dach der zukünftigen Gaststätte „Nußbaum“, bevor er mit seinem Bleistift die exakten Markierungen für das Giebelfenster setzt.

Kurtz verstand es meisterhaft, sein Wissen an die nächste Generation weiterzugeben und die jungen Kollegen zu motivieren. Einer seiner begeisterten Schützlinge war der erst 18-jährige Jungfacharbeiter Udo Lehnecker. Der junge Handwerker war über die „FDJ-Initiative Berlin“ auf die Großbaustelle gekommen. Die anspruchsvolle Arbeit an der Gerichtslaube empfand er als eine wirklich gute Schule, bei der er durch das Zusehen bei den erfahrenen Bauhasen das richtige Putzen und Gesimsziehen von der Pike auf lernte. Die alten Lehrbücher von Richard Bäcker erwiesen sich dabei als wahre Fundgrube für ihn und die anderen jungen Handwerker.

Ein Vermächtnis, das bleibt

Wenn wir heute durch das Nikolaiviertel flanieren, sehen wir weit mehr als nur eine gelungene städtebauliche Rekonstruktion der 1980er Jahre. Wir blicken auf das handwerkliche Erbe von Menschen, die mit Herzblut, alten Lehrbüchern und unermüdlichem Fleiß ein Stück Stadtgeschichte geformt haben. Die Maurer und Zimmerleute des VEB Bau Nauen haben nicht nur Steine und Balken geschichtet – sie haben Berlins historischer Seele ein neues, greifbares Gesicht verliehen. Ein Grund mehr, beim nächsten Spaziergang an der Spree kurz innezuhalten und die meisterhaften Gesimse und Dachfirste mit einer tiefen Wertschätzung zu betrachten.


(… in Kürze) Nauener Handwerkskunst im Herzen Berlins – VEB Bau Nauen Serie Teil 2

(… in Kürze) Von Nauen an die Wiege Berlins – VEB Bau Nauen Serie Teil 3

(… in Kürze) Nauener Hände am Fundament Berlins – VEB Bau Nauen Serie Teil 4